Talentiert auf Sandbettung

-oder der Beginn einer Privatbahn in Mecklenburg-

 

Ein trüber Tag kündigt sich um 4 Uhr 30 auf dem Bahnhof Neustrelitz Süd der ehemaligen Mecklenburgischen Friedrich-Wilhelm-Eisenbahn (MFWE) an. Schwere tiefe Regenwolken verhindern einen romantischen Sonnenaufgang. Zehn Minuten später rollt das erste der Ostmecklenburgischen Eisenbahn GmbH (OME) und jüngste Kind der Talbotwerke in Aachen an den Bahnsteig, das vorher gut bewacht auf dem Bahnhof Neustrelitz an der Nordbahn übernachtet hat. Vier Triebfahrzeugführer stürmen den Führerstand, begleitet von drei Zugbegleiterinen in ihren chicen grauen Westen und schwarzen Hosen. Für die erste Fahrt war noch ein Schild vorbereitet, das nach der Erlaubnis einer der Triebfahrzeugführer an der Front des Triebwagens angebracht wurde. Noch schnell einige Erinnerungsfotos und die erste planmäßige Fahrt der OME nach Feldberg als RB 16603 kann beginnen. Zaghaft schlängelt sich der Talent, vorbei am Stellwerk und dem alten Lokschuppen, auf die fast ausschließlich sandgebettete Schienen der ehemaligen MFWE. Derweil machen sich in Feldberg zwei weitere Mitarbeiter der OME an die Arbeit, den Bahnhof dem Anlaß entsprechend mit einem Transparent, Luftballons und Fähnchen für den Empfang der "ersten Fuhre" zu schmücken.

Inzwischen ist es heller geworden, doch die Sonne hat den Kampf durch die grauen Wolkenmassen wohl schon aufgegeben. Ein paar Pfiffe aus der Ferne kündigen den Zug an. Pünktlich ist er da, mit immerhin zwei Reisenden, die nun sicher im noch verschlafenen Feldberg angekommen sind. Der weiße Prototyp des Talents mit seiner schnittigen Form und roten Türen steht am Bahnsteig in Feldberg. Gegenüber dem bis gestern hier jahrelang zum Erscheinungsbild gehörenden Loks der BR 202 mit zuletzt meist zwei Wagen der Gattung Bom wirkt das neue Fahrzeug wie von einem anderen Stern, verbreitet Zukunftsflair, stimmt optimistisch. Ein hektischer Rundgang des Personals um das Fahrzeug. Es ist aber alles noch dran. Die Rückfahrt als RB 16602 nach Neustrelitz Sued, so die von der Nähe sehr schlecht einsehbare und offensichtlich der deutschsprachigen "Exotenzeichen" nicht mächtigen Matrixanzeige, kann beginnen.

In dezent beleuchteten Innenraum ist die erste Klasse von der zweiten nur anhand der Armlehnen und ausklappbaren Tische zu unterscheiden. Die Geräuschreduktion des Motorenlärms ist beeindruckend: vor ein paar Sekunden auf dem Bahnsteig noch allgegenwärtig, im Innenraum kaum als störend empfunden. Das Versammeln der vier Lokführer im Führerstand und der drei Zugbegleiterinnen an der Serviceecke kündigen die pünktliche Abfahrt an. Die zu dieser frühen Morgenstunde noch geschlossene Fahrkartenausgabe oder vielleicht DB-Agentur bedeutet für die freundliche Mitarbeiterin der OME eine Lerneinheit mit dem Umgang des tragbaren Fahrkartendruckers. Gemeinsam mit ihren zwei Kolleginnen entlockte man diesem dann die Fahrkarte für 3,60 DM mit BahnCard. Als kleine Aufmerksamkeit und Entschädigung für den noch nicht verfügbaren Kaffee gab´s dann eine Bonbondose mit OME-Logo.

Der dreigleisige Bahnhof Feldberg ist inzwischen verlassen. Leicht ansteigend durch hügelige Landschaft und vorbei an kleineren Seen führt die Trasse nach Westen. Vom ehemaligen Haltepunkt Weitendorf ist außer der Bahnsteigkante nicht mehr viel zu sehen. Dafür ist Dolgen noch ein richtiger Bahnhof mit Ausweichgelegheit, auch wenn diese schon seit Jahren nicht mehr genutzt wurde. Auch hier haben die Mitarbeiter der OME mittlerweile schon ganze Arbeit geleistet. Die Farben des OME-Logos auf den Luftballons, Fähnchen und Wimpeln werden durch den einsetzenden Nieselregen auf ihre Wasserbeständigkeit geprüft. Ein scharfes, sonst bei S-Bahnen übliches "Zurückbleiben Bitte" ertönt am Außenlautsprecher und die Motoren brummen kurz auf und schon ist die Streckenhöchstgeschwindigkeit von 50 km/h erreicht. Doch ein schlecht einsehbarer Feldweg ist der Grund für mehrmaliges Pfeifen und die Geschwindigkeitsreduktion auf 30 km/h. Die Hügel werden flacher, die Sicht über die Felder und Wiesen weiter. In Bergfeld und Carpin, mit den kleinen Bahnhofsgebäuden wurde schon gehalten, und das Flackern des Überwachungssignales für die neue HET-Anlage an Bahnübergang in Carpin zeigte das korrekte Schließen der Schranken an. Wälder haben die hügelige Felder- und Wiesenlandschaft mittlerweile verdrängt. Ein Bahndamm kurz vor dem Bahnhof Thurow deutet auf die ursprüngliche Trasse der MFWE Richtung Woldegk hin, welche kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges als Reparationsleistung für die damalige Sowjetunion demontiert und nicht wieder aufgebaut wurde. Die von der Natur wieder begrünten sowie friedlich rostenden und weitläufigen Güteranlagen des Bahnhofs weisen noch auf den 1991 eingeschlafenen, aber bis dahin noch regen Güterverkehr hin. Die Deutsche Bahn AG hat für alle Bahnhöfe bzw. Haltepunkte noch neue Bahnhofsschilder (Typ: schwarze Schrift auf weißem Untergrund mit hellblauem Rand) spendiert. Durch dichte Nadelholzwälder "gleitet" der Talent, die Unebenheiten der Strecke gut wegsteckend, mit exakt 50 Sachen auf den sandgebetteten (der Fachmann sagt auch Kiesbettung dazu) Gleisen nach Neustrelitz hinab. Die Umgehungsstraße der Kreisstadt wird unterquert und wenig später kommen der Lokschuppen, Stellwerk und Bahnhofsgebäude von Neustrelitz Süd ins Blickfeld. Auch hier weisen die zwei Fahrgäste die nun nicht mehr unbekannten Papier- und Gummierzeugnisse auf den neuen Streckenbetreiber hin. Ein Gastwirt belädt die Serviceecke mit heißem Kaffee und kleinen Süßigkeiten und weitere vier Lokführer entern den Führerstand. Noch anderthalb Stunden darf der für 150 km/h zugelassene Triebwagen ruhen, bevor er wieder gemächlich ins 26,8 km entfernte Feldberg brummen darf.

 

 

Die Fahrzeugerlebnisbahn

-oder Dank Improvisation eine bunte Fahrzeugvielfalt bei gutem Service-

 

Nachdem sich die Freude über die Betriebsübernahme gelegt hatte, begann der Alltag. Zunächst versah der Talent-Prototyp seinen Dienst auf der Strecke. Dessen Einsamkeit endete mit zunehmender Auslieferung der dreiteiligen, nunmehr für 140 km/h zugelassenen, Serien-Talente. Neben der doch eher geruhsamen Feldberger Schiene übernahm die OME ab Herbst 1998 nun auch den Komplettverkehr zwischen Rostock-Laage und Güstrow, sowie schrittweise auch den Teilverkehr zwischen Schwerin-Bützow-Güstrow-Teterow-Neubrandenburg-Pasewalk. Die hatte zur Folge, daß sich der Einsatz der neuen Triebwagen auf die schnellen Strecken konzentrierte. Die ohnehin knappe Fahrzeugdecke wurde durch Lieferverzögerungen der Fahrzeugindustrie kürzer und bekam zusätzlich Löcher durch Betriebsausfälle die auf Kinderkrankheiten zurückzuführen waren. Für die KBS 187 bedeutete dies den Einsatz einer ungeahnten Fahrzeugvielfalt von gebrauchten oder Neufahrzeugen. Dagegen blieb der Service an Bord schon fast gewohnt langweilig: Kaffee und kleine Snacks; Fahrkartenverkauf und Taxibestellung gab es immer auf Wunsch. Die spannenden Frage jedoch blieb: Welches Fahrzeug kommt heute angerollt? War das Pfeifen neu oder hatten es die Ohren schon einmal wahrgenommen?

 

Das Fahrzeugkarussell drehte sich also munter darauf los. Es begann mit einem NE 81 der Württembergischen Eisenbahngesellschaft (WEG). Das vierachsige Fahrzeug war von der Waggonbau-Union zusammengebaut worden. Die WEG setzte den VT 410 normalerweise auf der Strohgäubahn ein. Entsprechend schmückten auch die Wappen der von der Strecke tangierten Gemeinden die Seitenflächen des Triebwagens. Gegenüber dem hügeligen Strohgäu nahe der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt waren die seichten Erhebungen der Mecklenburger Seenplatte sicherlich kein Problem. Heimweh brauchte der VT 410 trotzdem nicht lange zu haben, die Stippvisite auf der Feldberger Schiene endete noch im selben Herbst des Jahres 1998.

Das Fahrzeugroulette drehte sich indes weiter. Hinter den Zahlen 670 006 verbirgt sich ein Produkt aus dem Hause Deutsche Waggonbau AG (DWA). Und nicht nur einfach, sondern doppelt. Genauer der zweiachsige Doppelstockschienenbus, den der damalige Bahnchef Heinz Dürr auf einer Serviette skizziert und so in die Konstruktionsabteilung gegeben hat. Berge mochte der Motor nicht so richtig aber mit den kann Mecklenburg ja auch nicht aufwarten. Im Spätherbst bzw. Winter 98/99 erfreute er die Passagiere der KBS 187 nicht nur mit seinem hervorragenden Panorama und Streckensicht. In verkehrsrot lackiert, stellte der „Serviettentriebwagen“ auch stets einen Farbtupfer in der Landschaft dar.

Die vollständige Auslieferung der OME-Talente brachte etwas Sand in das Getriebe des Fahrzeugrouletts. Diese zwischenzeitliche „Monotonie“ wurde im Frühjahr 2000 jedoch unterbrochen. Die Eurobahn wollte ihre fabrikneuen Talente, die für den Einsatz ab Juni 2000 auf den Strecken Bielefeld-Lemgo und Bielefeld-Rahden bestimmt waren, auf dessen Alltagstauglichkeit testen. Somit durfte sich das Roulette vorerst noch einmal weiterdrehen. Auch die gelben „Eurobahner“ waren ein Farbtupfer auf den Gleisen. Trotz all dieser Bemühungen seitens der OME konnten die von der Landesregierung in Schwerin gewünschten Fahrgaststeigerungsraten nicht erreicht werden. Das hieß für die Feldberger Schiene „rien ne pas plus – nichts geht mehr“ und das ab Fahrplanwechsel 2000.

 

 

Doppelt talentiert im Abendrot

-oder das Jahr-2000-Problem der Feldberger Schiene-

 

Die Steuerungssoftware der Talente wurde erfolgreich auf deren Jahr 2000 Kompatibilität überprüft, ebenso wie der neu aufgestellte Fahrkartenautomat des Regionalverkehrs in Feldberg. Die Überprüfung der Effizienz der Strecke Neustrelitz Süd – Feldberg hatte jedoch ergeben, das diese nicht hoch genug ist. Somit war die Strecke das Problem. Dies offensichtlich auch vor dem Hintergrund der am 1.7.2000 beginnenden Weltausstellung Expo in Hannover, dessen gefördertes dezentrales Außenprojekt die Feldberger Seenregion geworden ist. Somit war das Schicksal der am 15.12.1907 von Neustrelitz bis Thurow und am 21.12.1910 bis Feldberg von der Mecklenburgischen Friedrich-Franz-Eisenbahn eröffneten Strecke besiegelt. Mit dem Fahrplanwechsel am 27. Mai 2000 würden die letzten fahrplanmäßigen Züge nach Feldberg rollen.

Sollten die trüben Wolken, die am 24.5.1998 bei der Betriebsübernahme durch die OME anwesend waren, auch an dem letzten Tag der Strecke dir direkte Sicht auf die Sonne verdecken. Nicht ganz. Dem Regen um die Mittagszeit folgte am Nachmittag und Abend strahlender Sonnenschein. So setzte sich um 19.37 Uhr der Tal(Ag)ent 007 der OME im besten Abendlicht zum letzten Mal nach Feldberg in Bewegung. Aufgrund des Bedenkens des Fahrpersonals war er ungeschmückt. Außer das wesentlich mehr Passagiere als sonst mitwollten verlief die Fahrt ohne Komplikationen bis Feldberg. Dort bekam 007 Gesellschaft. Er wurde mit 001 „verkuppelt“. In der roten Abendsonne präsentierten sich den zahlreichen Abschiedsgästen beide Triebwagen in Feldberg.

Ein großes schwarzes Schild an der Front des schnittigen neuen weißen Triebwagens bildete einen merkwürdigen Kontrast zur nun folgenden letzten Fahrt der RB 81076 nach Neustrelitz Süd. Mit mehreren Pfiffen verabschiedete sich 007 mit Partner 001 von Feldberg und rollte dem Abendrot entgegen. An allen Unterwegshalten wurde noch mal gehalten. In Thurow wurde der letzte Zug mit Konfetti begrüßt. Das Bahnhofsgebäude war bereits verkauft und die Stromproduktion zum Teil mit Solarzellen abgedeckt. Doch es hieß Abschied nehmen von dem umweltfreundlichen Verkehrsmittel. Ein kurzer Pfiff, das Winken vieler Hände und der talentierte Doppelpack verschwand im Wald. Blieb nur noch die offene Frage eines Kindes am Bahnsteig: „Mami, war das jetzt wirklich der letzte Zug?“. Nicht ganz, denn zum 90. Streckenjubiläum durften noch einmal Sonderzüge auf die Strecke, ebenso wie ein Triebwagen der Prignitzer Eisenbahn (PEG) kurz vor der Stillegungsgenehmigung nach §11 des Eisenbahngesetzes durch das Eisenbahnbundesamt (EBA). Als die RB 81076 in Neustrelitz Süd ankam war die Sonne bereits am Horizont verschwunden und es wurde kühl und dunkel. Was jedoch bleibt, sind die Erinnerungen an einer schönen Strecke, an die miterlebten ereignisreichen letzten Betriebsjahre und die vielen Begegnungen auf der Bahn.